Samstag, 18. Dezember 2010

adventskalender // türchen 18


Walter Wichtl kommt groß raus

Verwirrt fuhr er hoch - schon wieder dieser Traum! Er gefiel ihm, aber so etwas durfte er nicht träumen - oder doch? Er sah die strahlend blauen Augen vor sich und den blonden Wuschelkopf. Sie hatten sich an den Händen gehalten und zärtliche Blicke getauscht, aber leider war das nicht die Wirklichkeit. Letzte Woche war er mit Elfina, dem kessen Wichtelmädchen, im Kino gewesen. Er mochte sie sehr, aber sie kam in seinen Träumen nicht vor, er sah nur Willibald, den Neuen in der Wichtelabteilung, der den Puppen einen schicken Haarschnitt verpasste oder ihnen Zöpfe flocht.

Für ihn selbst war nun alles klar, es hatte keinen Zweck, sich weiter zu belügen: er war ein 'anderer' Wichtel, er war schwul. Schon länger hatte er das vermutet, aber es einfach nicht wahrhaben wollen. Wenn er an Willibald dachte, stieg ihm die Röte ins Gesicht und sein Herz wurde ganz warm. Gleich würde er ihn wiedersehen. Noch bevor es zum Arbeitsbeginn geklingelt hatte, stand er schon an seiner Werkbank in der großen Wichtelhalle. "Na, diesen Eifer lob' ich mir", brummte der Weihnachtsmann, der gerade einen Kontrollrundgang machte.

Oh je, wenn der wüsste! Was er wohl sagen würde? Und die anderen Wichtel erst? Würden sie ihn noch mögen? Würden sie über ihn tuscheln oder vielleicht gar Witze machen? Nicht mehr mit ihm sprechen? Ihn verachten?

In Grüppchen und einzeln kamen die Wichtel an ihre Arbeitsplätze und da stand Willibald mit Gundula, dem hübschen schwarzlockigen Wichtelmädchen. Die Zornesröte stieg Walter Wichtl ins Gesicht und der Zahn der Eifersucht nagte an ihm. Verbissen machte er sich an seine Arbeit und warf immer wieder besorgte Blicke zu Willibald hinüber.

Hatte er sich getäuscht oder hatte der eben gezwinkert und ihm zugelächelt? Und schon wieder scharwenzelte eine um 'seinen' Willibald herum, die rothaarige Gwendolyn mit der frechen Stupsnase. Walter Wichtl pfefferte den fertig bemalten Nussknacker in den Karton. "Sag mal, bist du verrückt?" schimpfte Gundula, die neben ihm arbeitete. "Jetzt hast du dem Nussknacker die Kinnlade abgebrochen. Nüsse knackt der keine mehr."

Aber Walter Wichtl sah nur, wie gut Willibald das grüne Wams stand und wie keck sich ein widerspenstige Locke aus der Zipfelmütze kringelte. Immer wieder suchte er seinen Blick oder gar ein Lächeln zu erhaschen. Er seufzte und malte den Nussknackern Augen, Mund und rote Wangen. "Walter Wichtl! Was hast du nun wieder angestellt? Du hast dem Nussknacker eine Kringellocke und ein Herz auf die Brust gemalt. Schon wieder einer verdorben. Du weißt doch, wie knapp die Zeit ist. Solche Fehler können wir uns nicht leisten. Was ist nur mit dir los?" schimpfte Elfina, als sie die fertig bemalten Nussknacker abholte.

"Bist du vielleicht in Gedanken bei unserem Wichtelball und fragst dich, wer deine Begleiterin wird?" Sie kicherte. "Ich wüsste ja, mit wem ich am liebsten ginge ..." und sie warf einen schmachtenden Blick auf Willibald. Der lachte sie fröhlich an. Wütend warf Willi Wichtl den halb fertigen Nussknacker in den Korb und verschwand in der Teeküche. Zornestränen stürzten aus seinen Augen und er schluchzte laut.

Als sich eine tröstende Hand auf seine Schulter legte, fuhr er herum und blickte direkt in die blauen Augen von Willibald. Oh Schreck, das machte alles nur noch schlimmer. "Lass mich!" schluchzte er, "Lass mich in Ruhe. Ich bin schwuuuul. So, jetzt weißt du es und nun hau ab!" Aber Willibald legte seinen Arm ganz fst um Walters Schultern, drückte ihn feste und lachte nur: "Na und, ich auch, wo ist das Problem?" Walter Wichtl verschlug es die Sprache, tausend Sterne tanzten vor seinen Augen und nun weinte er vor Glück.
"Öhm", räusperte sich jemand an der Tür und eine dunkle Stimme fragte, ob sie eigentlich nichts zu tun hätten. "Wir haben gerade einen neuen Auftrag bekommen, der in zwei Tagen fertig sein muss. Jetzt heißt es: sich sputen."

Zwei rote Köpfe fuhren auseinander und Walter Wichtl meine: Ob er uns wohl gesehen hat?" Willibald grinste nur und schlenderte pfeifend zu seinem Arbeitsplatz zurück. Walter Wichtl ging die Arbeit so leicht  von der Hand wie noch nie. Zwischendurch warf er sehnsuchtsvolle Blicke, die grinsend erwidert wurden und als Willibald ihm eine Kusshand zuwarf, platzte er fast vor Glück, blickte sich aber verstohlen um, ob das auch keiner gesehen hatte.

"Alle Achtung!" lobte ihn Gundula. "Jetzt bist du aber fix und alles ganz perfekt. Wie kommts? Freust du dich auch so auf gleich? Der Weihnachtsmann hat den Korb mit den goldenen Nüssen schon in den Festsaal gebracht. Bin ich gespannt, mit wem ich zum Wichtelball gehen darf!" Und sie warf dem schelmischen Willibald einen verliebten Blick zu. Eine Kusshand flog zurück. Waler Wichtl zischte: "Ich wünsche dir, dass du mit dem Schrat dorthin gehen musst." - "Du bist gemein", sagte Gundula und tänzelte mit einem verführerischen Lächeln an Willibald vorbei.

Dann kam der große Moment: Jeder Wichteljunge musste auf die Bühne kommen, um eine goldene Nuss zu knacken. Darin würde er den Namen seiner Begleiterin für den großen Wichtelball am Samstagabend finden und sie auf die Bühne zu sich bitten. Willi war jetzt schon eifersüchtig. Willibald war dran. Knack! Goldene Walnusssplitter gaben einen dunkelblauen Zettel frei. Er entrollte ihn sorgfältig und verkündete mit klarer Stimme: " Ich gehe auf den Ball mit ... Walter Wichtl."

Ein überraschtes Raunen ging durch den Saal. Walter Wichtl wusste nicht, ob er vor Scham lieber im Erdboden versinken oder vor Freude bis unter die Decke fliegen wollte. Da zog ihn Willibald nach vorne und er hörte nur noch den Beifall von hundert Wichtelhänden. Er meinte vor Glück zu vergehen und sah nicht einmal, wie der Weihnachtsmann gerührt zwinkerte und sie beide mit einem wohlwollend breiten Grinsen betrachtete.

- beitrag von april -
schön, dass du das erste mal bei einem ehrenWORT projekt dabei bist! sei willkommen in unserer runde. :)

Kommentare:

  1. Eine Fabel - Mut zum Coming Out.
    Wir können ja nur froh sein, daß der Wichtel nicht in der Keksbäckerei zu tun hatte, heißt es doch wenn der Bäcker verliebt ist, versalzt er
    den Kuchen :-)
    Ina

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  2. Eine schöne, mal ganz andere, Weinachtsgeschichte. Vielen Dank und LG

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  3. Wenn es doch nur überall schon so einfach wäre wie in der Wichtelwerkstatt.

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  4. ... Das ist eine wunderschönes herziges Weihnachtsmärchen für Erwachsene und Kinder. Gerade für Kinder sollte die Liebe zwischen Gleichgeschlechtlichen schon möglichst früh selbstverständlich sein! Leider ist das aber oft immer noch ein Tabuthema, auch in pädagogischen Einrichtungen.

    Ich wünsche mir, dass die Doppelmoral derjenigen, die im stillen Kämmerlein sonst was anstellen, aber nach außen den Zeigefinder erheben, ein Ende nimmt und die Menschen sich verantwortungsvoll nicht nur mit Selbstbewusstsein, sondern auch mit Selbst-WERT-gefühl, lieben, respektieren und achten lernen, so wie sie sind, danach reden und auch handeln!

    Ganz lieben Adventsgruß
    Sabina

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  5. Allein die Namen und das äußere Drumherum sind herrlich beschrieben, und dann das so selbstverständlich dargestellte Anderssein dieser beiden Wichtelleute - des einen, der schon offen dazu steht, des anderen, der noch mit seiner inneren Zerrissenheit kämpft.
    Ich habe mich sehr gefreut, das von dir zu lesen, liebe Ingrid! Toleranz sollte wenigstens in dieser Beziehung selbstverständlich sein, wenn es menschen schon nicht in anderen schaffen.

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  6. Sehr schöne Geschichte mit Kopfkino "an". Und ich dachte immer die Helfer vom Weihnachtsmann wären eher geschlechtslos wie die Engel. Wo hast du nur diese Erkenntnisse gewonnen?

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  7. Eine schöne Geschichte von Liebe und Leid. Da ist es - fast - nebensächlich, dass sich die Geschichte um ein Männerpaar dreht.

    Eben zweiseitig: für mich stand beim ersten Lesen die Liebeserklärung im Vordergrund und erst beim zweiten Lesen das ebenso wichtige Thema gleichgeschlechtliche Liebe und dann auch noch das schwierige coming out.
    So kurz und so viel drin!

    Grüße! N.

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  8. Danke für eure netten Kommentare.

    @ Ina: Wer weiß, was das für Kekse geworden wären, aber sicher dennoch lecker.

    @ Manu: Gerne :-)

    @ Hans-Georg: Ich weiß ... ich wünsche es euch so sehr. Und es ist ja schon viel besser geworden.

    @ Sabina: DANKE. Wunderbar gesagt/geschrieben.

    @ Clara: Es hat sich viel verbessert, aber es ist noch längst nicht alles gut.

    @ Chinomso: Es gibt immer irgendeine anregende Begebenheit für eine Geschichte (glaub' ich jedenfalls).

    @ Nelja: Und es ging darum, wie die Umwelt darauf reagiert.

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  9. hach ist das eine wunderbare geschichte. ich wäre ja nie bei einer weihnachtsgeschichte auf einen schwulen wichtel gekommen, aber das ist einfach klasse!
    Gruss, tine

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lieben dank!