Sonntag, 19. Dezember 2010

adventskalender // türchen 19

Ent-täuschte Erwartungen

Was haben wir uns auf unserem langen Weg nicht alles vorgestellt.

Ein prächtiger Palast, ein imponierendes Königspaar mitsamt des freudig-aufgeregten Hofstaates, der monatelang auf die Geburt des neuen Königs hin gefiebert hatte. Ein beeindruckender Empfang für uns, die wir diesen Stern entdeckt und gedeutet hatten. Man beköstigte uns mit den erlesensten Speisen des Landes, um gemeinsam diese Geburt zu feiern. Unsere kostbaren Gaben würden beeindrucken und mit aufwendigen Gegengeschenken erwidert. Wichtige Staatsgeschäfte nähmen in dieser Begegnung ihren Anfang. Und wir würden noch bekannter, geachteter und reicher werden – sowohl hier als auch in unserer Heimat.

Erwartungen und Hoffnungen bis zu dem Stall.

Dem Stall mit einer jungen Frau (wie man sie in jedem Land findet), ihrem Mann und dem Kind. Kein Hofstaat, kein Festessen. Ein einfaches Mahl mit den Eltern, ein paar Hirten, die die Familie jeden Tag mit dem Nötigsten versorgten, sowie einigen Kindern, die in der Nähe wohnten. (Sie halfen der jungen Mutter bei der Versorgung ihres Kindes, bewunderten jeden Tag die ’klitzekleinen’ Hände des Kindes und verglichen deren Größe mit der des Vortags.)
Unsere Geschenke beeindruckten, wurden dankend entgegengenommen und riefen dennoch leichtes Erstaunen hervor. Was diese Familie in diesem ärmlichen Stall tatsächlich brauchte, wurde ihnen von den einfachen Leuten in Form von Schafsmilch, Käse und Fladenbrot gebracht. (Nicht mehr, nicht weniger.)
Staatsgeschäfte waren unmöglich. An Gegengeschenke in Form kostbarer Stoffe, Metalle und Steine war nicht zu denken. Trotzdem. Wir fanden Ruhe und wurden beschenkt. Das Nachfragen nach der langen Reise, war ein Ernstgemeintes und ein Verstehendes. (Sie hatten alle Strapazen selbst erlebt). Wir mussten an diesem Ort keine Maske aufsetzen. (Weder Staunen, Freude oder Bewunderung spielen noch die Erschöpfung, die Müdigkeit und das Sehnen nach der Heimat verbergen). Herkunft oder Staatspositionen waren hier nicht wichtig. Es wurde nach uns gefragt. (Nach unseren Frauen und Kindern. Unserem Erleben. Freuden und Ängsten. Wünschen und Sehnsüchten). Wir waren keine auswechselbaren Amtsinhaber, sondern einfach nur wir. Unsere Forschungen und Erkenntnisse aufgenommen und respektiert. Doch diese Menschen hatten erfahren, dass ihr Gott die erstaunlichsten Dinge vollbringt und wunderten sich nicht. Sie hatten Gott erlebt. Und uns an ihrem Wunder teilhaben lassen.
(nach Matthäus 2, 1-11)
- beitrag von tauschlade -

Kommentare:

  1. Guter Text zeitgemäß umgesetzt. Es wird verständlich dargestellt, worauf es eigentlich ankommt aus der Sicht derer, die Alles haben.
    Ina

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  2. Sehr schöner Text.

    Was mich nach einigem Nachdenken jedoch wundert ist, dass WIR so viele Worte brauchen (und dabei ist der Text noch kurz) um zu beschreiben und das Wichtigste zu sagen. Jedenfalls verglichen mit Matthäus 2, 11. Es gibt Leute, die brauchen dafür 140 Seiten (Michel Tournier "Die Könige aus dem Morgenland", ISBN 3-446-17361-7).

    Grüße! N.

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lieben dank!