Mittwoch, 7. Dezember 2011

adventskalender / türchen 7

Knochenbrecherbahn

Schlittenfahren ist im Wintersport, was Nudelmachen beim Kochen ist: ein unterschätztes Genre. Dabei ist Schlittenfahren der einzig wahre Wintersport. Es ist wild, es ist einfach, es ist unmittelbar.

Ich habe das schon früh erkannt und meine Kindheit auf dem Schlitten verbracht - wenn ich im Sommer nicht gerade Wassermelone gegessen habe. Ich hatte einen Holzschlitten mit roten Prallschutzkappen - einen klassischen Davoser, der alle Manöver ermöglichte: sitzen, liegen, zu Zweit, alleine, über Hügel hüpfen, nach Hause gezogen werden und natürlich die wagemutige Skeleton-Abfahrt mit dem Kopf voran.

Kaum fiel der erste Schnee, gingen wir in den Keller, mein Vater und ich, mit Schleifpapier und einer alten Kerze. Wir schmirgelten die Kufen, bis sie glänzten, und wachsten sie kräftig ein.

Wir wohnten am Wald, 100 Meter vom Försterhaus entfernt, das auf einem Hügel stand, an dessen Fuß sich ein Bach schlängelte. Der Hügel bestand aus Wiese und Schotter und Schieferstein. Wenn es schneite, vereisten die Steinflächen. Es waren die besten Stellen beim Runterfahren und die blödesten Stellen beim Schlittenzurücknachobenhochziehen. Ungestüm schossen wir den Berg hinunter, ächzten wieder hinauf und schossen wieder hinunter, Stunde um Stunde. Wir häuften Schnee auf und bauten uns eine Schanze. Es gab keine Zeit, es gab nur das Jetzt.

In den Bach fuhr ich nur ein einziges Mal. Vor Schreck fiel ich vom Schlitten und bekam Nasenbluten. Meine Freundin zog mich nach Hause und lieferte mich blutend in der Küche meiner Mutter ab. Sie nahm es gelassen. Ich war ein unfallträchtiges Kind. Am nächsten Tag waren wir wieder draußen.

Wenn viel Schnee lag und wir uns besonders kühn fühlten, gingen wir weiter in den Wald hinein, ungefähr eine halbe Stunde. Dort erreichten wir die Knochenbrecherbahn, eine steile, lange Abfahrt mit mehreren natürlichen Sprungschanzen, an deren Ende eine Schranke stand, die immer geschlossen war und vor der man rechtzeitig den Kopf einziehen musste, sonst ... ja, sonst erging es einem wie Jens, der mit Platzwunde und Schädeltrauma ins Krankenhaus kam. Aber Jens war eben kein Profi. Unseren Müttern sagten wir niemals, wenn wir zur Knochenbrecherbahn gingen. Unsere Väter hingegen nahmen es nicht so genau. Sie meinten vielmehr, ein wenig Gefahr tue dem Leben eines Kindes gut, das schule die Reaktion und die Aufmerksamkeit. Und zu wissen, wann man nach einer wilden Schussfahrt den Kopf einziehen muss, sei darüber hinaus eine wichtige Lektion, auch für später mal.

So verbrachten wir unsere Winter im Wald. Ich kann mich nicht erinnern, in dieser Zeit eine Schule besucht zu haben. Aber es muss ja so gewesen sein.


- nessy -
HERZLICH WILLKOMMEN beim ehrenWORT!

Kommentare:

  1. danke für diese spannende Geschichte, Nessy !
    sie löst auch in mir Schlittenerinnerungen aus (die allerdings ein Stück harmloser sind als deine) - und den Davoser hatte ich aus, allerdings ohne die schönen roten Kappen

    lieben Gruß
    Uta

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  2. ...danke fürs Teilen dieser schönen Kindheitserinnerung...

    lieber Gruß von Birgitt

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  3. … das weckt Kindheitserinnerungen ans Schlittenfahren im Wald, an den Geruch, die klirrende Kälte und den Atem der erhitzten Kinder
    in der Wintersonne. Schön. Danke.

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  4. @Frau Uta: Wenn ich mal nicht Schlitten gefahren bin, habe ich die Sterne gebastelt, die Sie heute in Ihrem Blog ausschneiden. Danke für die Erinnerung.
    @Herr Basserquote: ... und an den Schweiß unter der rot-braun gestreiften Schlupfmütze.

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  5. Wunderbar!
    Sabiene, auch Davos-Fahrerin seit über 40 Jahren!

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  6. Danke für die Geschichte! Ich bin "nur" ein Stadtkind mit 'nem kleinen Hügel auf einem Spielplatz, dafür aber mit einem vom-Papa-in-seiner-Jugend-selbstgeschweißten Rohrschlitten mit fürchterlich schnellen Kufen *hihi*! Da waren die Jungs immer stinkesauer, wenn ich eher unten war als sie *breitgrins*!
    Liebe Grüße von
    Petra ;o)

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  7. Vielen Dank! Ich kann noch das jährlich geprellte Steißbein hinzufügen nach zu rasanter Fahrt über eine Schanze! Tolle Erinnerung!

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  8. Man kann das Glück förmlich spüren ... schön, Kind zu sein! :)

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  9. @Frau S.: Oh ja, das Steißbein. Dem ging's nicht immer gut. Manchmal auch dem ganzen Hintern nicht, wenn ich beim Zuzweitfahren in das Loch vorne gerutscht bin - zwischen die Hörner mit den Kappen.

    @Frau Piggy: Material und Technik waren alles!

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  10. also bei uns hiess die knochenbrecherbahn immer todesbahn.

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  11. Jaa, kann mich nur anschließen, tolle Erinnerungen werden wach! Steißbein ist in der Tat ein Stichwort, und unser Hund rannte liebend gerne neben dem Bob her und versuchte, in Füße oder Bob zu beißen (natürlich nur spielerisch). Trotzdem lenkte mich die Töle damit einmal dermaßen ab (man wollte sie ja nicht überfahren!), dass ich frontal vor einen Baum in unserem Garten fuhr und der Plastikbob unter mir einmal der Länge nach in der Mitte durchbrach!! Hund und meine Wenigkeit kamen zum Glück unverletzt, aber mit einem ziemlichen Schrecken davon! ;o))

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  12. Bei deiner spannenden und sehr lebensvollen Geschichte kommt mir der Krennbichl in den Sinn, so eine Art Knochenbrecherbahn meiner Kindertage, nicht schwindelerregend hoch, nicht lang, aber im tiefen Winter höchst gefährlich vereist, grade deshalb machte das Rodeln und Gleitschuhfahren - kennt man heutzutage, glaube ich, gar nicht mehr - so sehr viel Spaß...

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  13. Bei uns hieß die Knochenbrecherbahn "Todesbahn"!! Dabei war sie gar nicht soo gefährlich, hatte auch keine Schranke, aber einen dichten Wald am Ende, man sollte schon rechtzeitig abgebremst haben, sonst landete man am Baum. Es ist aber meiner Erinnerung nach nie was Ernsthaftes passiert.. Ich seh mich auch noch in meinem dicken roten Schneeanzug mit der häßlichen Schlupfmütze, danke für die tolle Erinnerung!

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  14. Eine tolle Geschichte, genau so oder ähnlich war es bei uns auch :o)

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  15. Jetzt kommt mir das wieder :das war ja unsere Bahn.
    Der gefrorene Weg und die Eisenbahnschranke, daneben die Schanze.
    Meine Mutter kam mit und im Minirock testete sie den Weg und die Schanze. Kinder, viel zu gefährlich für euch, sagte sie und fuhr nochmals. Das war ein wildes Rennen gegen die Jungs der kleinen Stadt. Ich glaube auch, dass im Winter nie Schule war. Jedenfalls habe ich alles vergessen. Und als wir Skier bekamen, wurde es langweilig.

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  16. danke dir, liebe Nessy, für diese tolle Geschichte, richtig emotional geschrieben, sodass der Film des Schlittenfahrens in meiner Kindheit vor meinem inneren Auge abläuft.. :)

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  17. 'Knochenbrecherbahn'

    kinder benamsen doch immer noch alles am obercoolsten. wir hatten mal den katzenkrallenclub, bei dem man, um mitglied zu sein, über einen besonders breiten graben springen mußte, natürlich inklusive festkrallen am anderen ufer. hach.

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  18. Liebe Frau Nessy,
    ich liebe Ihre Geschichten aus dem Leben.
    Bei dieser Geschichte werden Erinnerungen an meine Kindheit wach: An die "Schweineberge". Ein Wäldchen mit Hügeln, die nur bei sehr starkem Schneefall wirklich welchen abbekamen, so dass man eher auf Laub als auf Schnee fuhr. Und man sah am Ende aus wie... nun ja, Schweinchen ;-) Und der Weinberg, der Steißtöter unter den Rodelbahnen... Hach.
    Jetzt will ich Schnee hier.

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  19. @Frau Freidenkerin: Was, bitte, ist Gleitschuhfahren? Schlittschuhlaufen?
    @Frau Croco: Sie bekamen Skier? Das gab es bei uns nicht.
    @Frau Rebhuhn: Katzenkrallenclub - das klingt ja schon nach Drei ???.
    @Frau Bouquinesse: Steißtöter ... sehr passend.

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lieben dank!